Thomas Tallis: The Lamentations of Jeremiah

Sonntag, 29. März 2026

Kirche Maria Frieden

Florencia Menconi (Mezzosopran), Raphaël Joanne (Tenor), Davud Werner (Tenor), Roger Casanova (Bariton), Sebastián León (Bariton und Leitung), Dirk Trüten (Orgel)

Die «Lamentations of Jeremiah» gehören zweifelsohne zu den ergreifendsten Vertonungen der Klagelieder des Jeremias, in denen die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 586 v. Chr. und die anschliessende Vertreibung der Juden beklagt wird. Die Texte gehören zu den bewegendsten Passagen des Alten Testaments. In der katholischen Liturgie bilden sie traditionell die Lesungen der Matutin in der Karwoche. Jede Lektion schliesst mit dem flehentlichen Aufruf an das Volk: „Jerusalem, wende dich zu Gott, deinem Herrn“.

Obwohl mit der Reformation auch in England die Volkssprache Einzug in die Liturgie hielt, fuhren die Hofkomponisten von Elisabeth I. fort, auch weiterhin lateinische Texte zu vertonen. Die Königin selbst hegte nämlich eine Vorliebe für den lateinischen Ritus. In dieser Nische des königlichen Zeremoniells entstanden einige der schönsten lateinischen Motetten des 16. Jahrhunderts, insbesondere von Thomas Tallis und seinem jüngeren Kollegen William Byrd, die beide Gentlemen der Chapel Royal waren. Thomas Tallis hat in seinem über 40jährigen Dienst als Organist für Klerus und Königshaus alle Macht- und Konfessionswechsel des Jahrhunderts heil überstanden.

Vielleicht bewegten ihn die Erfahrungen dieser blutigen Zeit zur Komposition der Lamentations, vielleicht war es ein Auftrag der Königin. Die beiden Stücke passen liturgisch zwar zusammen, scheinen jedoch zu verschiedenen Karwochen entstanden zu sein. In der Gliederung der umfangreichen Texte ist Tallis in beiden Werken ähnlich verfahren. Die Ankündigung Incipit lamentatio Jeremiae prophetae bzw. De lamentatione Jeremiae prophetae fungiert als feierliche Einleitung in Imitationen. Danach kommt es zum kontinuierlichen Wechsel zwischen den hebräischen Buchstaben Aleph, Beth etc. in der Form «seelenvoller Melismen» und den streng syllabisch vertonten lateinischen Versen. In letzteren werden die Klagen des Propheten Jeremias über die Zerstörung Jerusalems in den akkordischen Satz der neuen anglikanischen Musik gekleidet.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der abgedunkelte Klang dieser Sätze. In der hier gesungenen Lage werden nur tiefe Stimmen verwendet: Alt, Tenor und Bass. Dieser gedeckte Klang passt zu den Tenebrae lectiones, den Finstermetten der Karwoche, und ihren von Busse und Umkehr geprägten Texten.